Lebensfreude © ISC Finger

Abschiede

In einem „table talk“ Spiel habe ich letztens die Frage gezogen: wann hast Du zum ersten Mal das letzte Mal etwas getan.

Diese Frage hat mich über den geselligen Abend hinaus beschäftigt. Viele Dinge habe ich zum letzten Mal gemacht und gar nicht mitbekommen, dass es das erste Mal ist, wo ich es ein letztes Mal machen werde. Manche Dinge habe ich bewusst entschieden, z.B. ich werde kein Ski mehr fahren. Die Frage hat mich auch dazu aufgefordert mal über all meine Abschiede in meinem Leben nachzudenken und damit sind nicht die Trauerfälle von Verstorbenen gemeint, sondern auch die kleinen Abschiede wie z.B. der Verlust meiner Mandeln oder meiner Weisheitszähne oder der Abschied aus meinem Kindergarten, Grundschule, oder den Abschied einer Wohnung, eines Autos oder der Abschied von alten Überzeugungen und Glaubenssätzen.

Als ich mich damit wirklich intensiv auseinandergesetzt hatte, habe ich festgestellt wie viele Abschiede ein Mensch in seinem Leben erfährt und welche davon immer noch traurig machen und welche okay sind oder auch gar nie ein Problem waren.

Mein Abschied von Schule war nie ein Problem, es war eher ein Gefühl von Erleichterung. Mein Abschied von Dingen, die irgendwann keine Bedeutung mehr hatten, war auch leicht und ist in Vergessenheit geraten. Aber es gibt noch einige Abschiede, denen ich hinterher trauere, und diese werde ich mir jetzt zu Herzen nehmen und nochmal ganz genau anschauen und dann erneut verabschieden, mit dem Gefühl, dass es okay ist.

Dazu gehören meine Schallplatten. Ich war kein Sammler und auch kein Plattenfan und entschied mich ganz bewusst, die Zeit ist vorbei und ich brauche die nicht mehr, will auch keinen Schrank mehr dafür zur Verfügung stellen und auch keine Quadratmeter an Wohnfläche. Eine Entscheidung und ein Abschied. Ich war ganz klar und bewusst mit meiner Entscheidung und ich brauche auch keine Platten, um mich an diese Zeit zu erinnern, so wie man Fotobücher sammelt. Heute denke ich noch oft an meine Schallplatten zurück und bedauere den Abschied. Was würden die mir heute noch geben, wenn ich sie nicht weggegeben hätte. Keine Ahnung, hören würde ich sie nicht und Platz hätte ich auch nicht mehr dafür. Trotz allem bleibt ein kleiner Schmerz.

Ein weiterer Abschied aus jüngster Zeit ist mein Audi TT Cabrio. Eine bewusste klare Entscheidung, kein Grund zur Trauer. Und jetzt war er weg und der Schmerz war da. Ich habe mich gefragt, wenn ich genau meinen zurückbekommen würde, was wäre anders? Als ich aus familiären Gründen mein Motorradfahren eingestellt hatte, hat das Motorrad noch ganz lange in meiner Garage gestanden bis ich es verkauft habe. Mit dem Verkauf habe ich mir gleichzeitig die Möglichkeit eingeräumt, dass wenn ich mal fahren will, mir eins ausleihe. Das habe ich nie gemacht und davon kann ich mich jetzt friedvoll verabschieden, auch wenn ich mit Wehmut auf die Zeit schaue.

Wehmut, genau, dieses sanfte nach innen gekehrte Gefühl von zarter Traurigkeit, gepaart mit einer sehnsüchtigen Erinnerung an die Vergangenheit, beschreibt meinen stillen Schmerz darüber, dass schöne Zeiten oder vergangene Erlebnisse unwiederbringlich vorbei sind.

Ja ich glaube, dass mich das gerade wirklich beschäftigt. Es gibt immer mehr unwiederbringliche Zeiten, Erlebnisse und Ereignisse, die mir zeigen das Älterwerden auch eine traurige Seite hat. Natürlich bin ich von ganzem Herzen ein lebensfroher Mensch und freue mich über jeden Tag, den ich miterleben darf, aber ich möchte mir auch erlauben, der anderen Seite des Älterwerdens Raum zu geben.

Es macht mich hin und wieder traurig, dass die meiste Zeit meines Lebens vorbei ist. Ich lebe so gerne und nehme jeden Abschied in Kauf, egal wie traurig er mich macht, denn solange ich zum ersten Mal was zum letzten Mal mache, lebe ich noch.



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