Vergleich mit anderen – Ursachen und Wirkungen

Vergleich mit anderen – Ursachen und Wirkungen

© De Vries

Wenn ich mal wieder meinen Teller nicht aufessen wollte, sagten meine Eltern häufig: „Stell Dich nicht so an! Denk an die hungernden Kinder in Afrika – die wären froh, so etwas essen zu können.“ Wenn einem etwas Negatives zugestoßen ist, wurden sofort Beispiele von Leuten präsentiert, denen noch etwas viel schlimmeres passiert ist oder man sollte sich glücklich schätzen, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist (was leicht hätte der Fall sein können). Die Engländer sagen dann nur lakonisch „It could have been worse.“ Durch den negativen Vergleich soll dem Betroffenen suggeriert werden, dass es ihm doch vergleichsweise gut ginge. Der Vergleich wird hier sozusagen als „Stimmungs-Aufheller“ benutzt. Aber funktioniert das wirklich? Geht es mir automatisch – und vor allem nachhaltig – besser wenn ich weiß, anderen geht es vergleichsweise noch schlechter bzw. die Situation hätte noch viel schlimmer für mich ausgehen können? Bei mir persönlich hat dieser Psychotrick allenfalls nur sehr kurz gewirkt. Sehr schnell habe ich wieder in mein eigenes „Leid“ gefunden und war genauso unglücklich und missgestimmt wie vorher. Woran könnte das liegen? Ist der Vergleich an sich nicht äußerst wirksam in uns verankert und schon sehr früh durch unsere eigene Erziehung zum Wettbewerb mit anderen geprägt?

Frühe Vergleiche

Wir fangen sehr früh an uns mit anderen zu vergleichen. In meiner Erinnerung ist das schon sehr früh der Fall. Im Kindergartenalter verglich ich mich bereits mit anderen Kindern. Später, als Teenager, wurden die Vergleiche immer wichtiger und auch die Suche nach Orientierung und der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe wurde immer wichtiger. Meistens jedoch ging es mir nicht gut durch den Vergleich mit anderen – vermeintlich besseren und glücklicheren – Mitmenschen. Ein Gefühl des Mangels herrschte vor. Das Einzige, was kurzfristig half war die Abgrenzung nach „unten“. Dieses Phänomen ist, meiner heutigen Ansicht nach, vor allem durch einen Mangel an Selbstbewusstsein hervorgerufen und ist wahrscheinlich auch die Ursache für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Vergleiche in sozialen Medien

Es gibt in der heutigen Zeit durch die sozialen Medien wesentlich mehr Möglichkeiten des Vergleichs mit anderen. In den sozialen Netzen wird von den meisten Nutzern vor allem ein glückliches – und perfektes Leben suggeriert. Diese Selbstinszenierungen, so künstlich sie auch sein mögen, können sehr negativ auf Menschen mit Depressionen wirken (mehr dazu finden Sie hier). Diese depressiven Menschen bekommen ständig gespiegelt, wie wertlos sie sind und wie unglücklich ihr Leben ist. Wie in dem Artikel beschrieben, wirkt sich sogar der Vergleich mit dem eigenen vergangenen – und über soziale Medien geposteten Leben, negativ auf den gegenwärtigen Gemütszustand aus. Früher war man angeblich glücklicher und alles war angeblich schöner – die Fotos lachender Gesichter scheinen das zu belegen.

Vergleiche mit Stimmungen in Abhängigkeit von den Jahreszeiten

Sich mit anderen zu vergleichen, könnte sogar bei Menschen mit Depressionen die Suizidgefahr erhöhen. Forscher haben herausgefunden, dass die Suizidhäufigkeit insbesondere in der hellen und warmen Jahreszeit stark ansteigt. So heißt es in einem Artikel dazu: „Depressive neigen dazu, sich mit anderen zu vergleichen, deren gehobene Frühjahrsstimmung ihre eigene noch dunkler aussehen lässt, und fühlen sich tiefer im Keller“.

Mögliche Auswege aus der Spirale

Der Vergleich mit anderen, denen es angeblich besser geht hat demnach vielfältig negative – und sogar teilweise tödliche Folgen. Was aber ist die Lösung? Können wir so einfach aus unserer Haut raus und mit unserem Leben glücklich werden ohne uns mit anderen zu vergleichen? Ich denke, dass ist so einfach nicht möglich. Auch Maßnahmen wie z.B., dass in Hamburger Schulen die (Ehren-, Sieger-) Urkunden bei Bundesjungendspielen wegfallen sollen, halte ich nicht für eine gute Lösung. Das ist zu realitätsfern. Meiner Ansicht nach ist mehr Bewusstsein bzw. mehr Empathie, nach innen wie nach außen, erforderlich. Für das Beispiel mit den sozialen Netzwerken kann das bedeuten, dass man sich beispielsweise von diesen Medien abmeldet, wenn man merkt das die einem nicht gut tun. Sich mit echten Menschen im direkten – und offenen Gespräch auszutauschen kann viele Illusionen und falsche Annahmen korrigieren. Auch ist es wesentlich heilsamer und tröstlicher empathisch gegenüber Menschen zu reagieren, denen eine Missgeschick oder Unglück passiert ist, als Negativbeispiele zu zitieren.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Vergleichen mit anderen? Was hat Ihnen geholfen/geschadet?