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Männer und Indianer heulen auch

by Frank Seifert.

Männer und Indianer heulen auch

© De Vries

Kürzlich bin ich auf einen interessanten Artikel gestoßen, in dem es um ein Internetphänomen oder auch um sogenannte „Meme“ (mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Mem) geht – nämlich um heulende Männer (mehr dazu unter http://www.zeit.de/digital/internet/2016-10/geschlechterbilder-internet-weinende-maenner-meme-emotionen/seite-3). Es wird dort unter anderem der Frage nachgegangen, ob dieses derzeit zu beobachtende Phänomen ein Indiz dafür sein könnte, dass Männer insgesamt mehr Emotionen zeigen (können) als früher, beziehungsweise ob das Internet sogar zu einem Wandel der Geschlechterrollen beiträgt?

Indianer kennen keinen Schmerz

Ich selbst gehöre zugegebenermaßen eher der Fraktion „Indianer kennen keinen Schmerz“ an und habe deshalb gewisse Hemmungen bei spontanen öffentlichen Gefühlsausbrüchen oder gar beim Weinen – auch wenn es noch so weh tut. Mittlerweile ist aber auch diese „Weisheit“ meiner Kindheit wissenschaftlich widerlegt (mehr dazu unter http://www.der-postillon.com/2009/10/studie-indianer-kennen-doch-schmerz.html). Männer die nahe am Wasser gebaut sind und dies als Erfolgsfaktor gezielt einsetzen – wie der im Artikel genannte YouTube Star Connor Franta – sind für mich eher etwas befremdlich. Wie gesagt, ich gehöre einer anderen Generation an und bin nicht unbedingt stolz darauf, dass das Weinen in Anwesenheit von anderen Personen oder gar öffentlich beispielsweise auf der Straße etc. nicht zu meinen Stärken gehört. Heulende Männer werden in der heutigen Gesellschaft zunehmend als stark empfunden. Tränen zu vergießen kann sehr maskulin wirken wie das Beispiel der Basketball-Ikone Michael Jordan zeigt. Eins ist sicherlich zu bedenken: Wie auch immer man die Bilder weinender Männer im Internet bewertet und interpretiert liegt vor allem beim Betrachter selbst. Die Wahrnehmung der sogenannten Realität geht nämlich zuerst durch diverse Filter (mehr dazu unter http://nlpportal.org/nlpedia/wiki/Filter) und entsteht im Kopf neu. So lässt sich die Reaktion Jordans als Stärke oder auch als Schwäche auslegen – je nachdem welche Vorurteile gegenüber dem Phänomen eines weinenden Mannes bestehen.

Virales Potential

Das Männer die weinen immer noch eher als ungewöhnlich wahrgenommen werden, zeigt sich teilweise auch darin, wie intensiv in diversen Foren entsprechende Beiträge diskutiert werden. Weinende Männer haben ein großes virales Potential. So werden beispielsweise Videos beim Social-News-Aggregator „Reddit“ (mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Reddit) über heulende Väter gesammelt und intensiv in Subreddits kommentiert. Einige Forscher gehen davon aus, dass positive Emotionen, die sich in Tränen ausdrückt, sogar stärker auf Andere wirken, weil man dies nicht von Männern gewöhnt sei. Aus dieser Sicht ist die virale Wirkung der Beiträge ebenfalls erklärbar. Vielleicht sollte die Werbung häufiger einen weinenden Mann zeigen und somit größtmögliche Aufmerksamkeit erzielen – Stichwort virales Marketing (mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Virales_Marketing)!?

Forum für Gleichgesinnte

Insgesamt geht die Wissenschaft nicht davon aus, dass das Internet maßgeblich die Geschlechterrollen verändert. Vielmehr wird hier einen Raum geboten, wo „Mann“ sich austauschen – und Emotionen teilen kann. In den entstehenden Online-Communities treffen sich also Gleichgesinnte, die sich einfach austauschen können. Die Möglichkeit der Bildsprache macht es vielen Männern außerdem etwas leichter, ihre Gefühle auszudrücken wo vielleicht die passenden Worte fehlen. Außerdem gibt es einen gewissen Interpretationsspielraum: Stärke und Schwäche sind dadurch vom Betrachter austauschbar.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit weinenden Männern? Finden Sie, es ist ein Zeichen der Stärke oder eher der Schwäche?