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Rüpel ohne Risiko

by Frank Seifert.

Rüpel ohne Risiko

© De Vries

Ich habe mich oft gefragt, wieso manche Menschen scheinbar machen können was sie wollen ohne jemals für ihr Verhalten gerügt zu werden (das hat nichts mit dem Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA zu tun – ganz ehrlich!). Kürzlich hatten Bauarbeiter kurzerhand ihr kleines Geschäft an der Wand eines benachbarten Wohnhauses verrichtet. Diese sogenannten „Wildpinkler“ kann man auch woanders in der Stadt öfter sehen. Meistens gehen die Passanten einfach vorbei ohne etwas zu sagen und tun so, als würden sie nichts bemerken. Ich gebe zu, dass ich ebenso schon oft weg geschaut habe. Bei diesen beiden Bauarbeitern jedoch nicht. Erstaunlich für mich war, wie kleinlaut die beiden Herren waren und ich bin mir sicher, sie werden es so schnell nicht mehr tun – zumindest nicht an unser Haus. Die Frage bleibt natürlich, warum Menschen, die sich rüpelhaft verhalten nicht unbedingt damit rechnen müssen, für ihr Verhalten auch gerügt zu werden wenn zufälligerweise keine Polizei oder das Ordnungsamt in der Nähe sind. Warum reagieren rücksichtsvoll eingestellte Menschen, die Zeuge von inakzeptablen Verhalten von Anderen werden häufig mit Wegsehen?

Angst vor der Gegenreaktion

Eine psychologische Studie hat das in der Praxis untersucht und kommt zu sehr interessanten Ergebnissen bei dem unser Gerechtigkeitsempfinden auf den Kopf gestellt wird (mehr dazu unter http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-warum-ruepel-so-oft-durchkommen-1.3231332). Das Mitmenschen, die beispielsweise ihre Kippe auf den Boden werfen, nicht mit entsprechenden Kommentaren zu rechnen haben ist vielleicht noch einigermaßen nachvollziehbar (man will ja nicht als Spießer gelten) – die Studie beweist aber, dass es ebenso wenig zu tadelnden Reaktionen kommt, wenn ganze Aschenbecher ausgekippt werden. Die allgemeine Regel, dass „je schwerwiegender das Vergehen ist, umso größer ist auch das Strafmaß (mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Strafe)“ gilt offenbar nicht in der Praxis. Es ist sogar oft so, dass je rüpelhafter das Verhalten ist, umso weniger wird dieses von den Mitmenschen abgemahnt. Der Grund für dieses Phänomen liegt in der Angst vor der Gegenreaktion begründet. Denn wer sich schon so rüpelhaft benimmt, der wird auch entsprechend auf Kritik reagieren – bis hin zur Gewaltanwendung. So ist es auf jeden Fall sicherer so zu tun, als würde man das schlechte Verhalten gar nicht sehen. Weg schauen, um nicht plötzlich selbst in einer peinlichen oder gefährlichen Situation zu sein.

Mögliche gesellschaftliche Folgen

Das ist durchaus verständlich und „Hand auf´s Herz“ – das ist so ziemlich jeden schon einmal passiert (oder auch öfter). Allerdings bedeutet diese Reaktion auch, dass diese Rüpel lernen, dass sie alles tun können und ihr Verhalten nicht zu ändern brauchen. Was das für den Zusammenhalt einer Gesellschaft bedeutet war die zentrale Frage, die sich die Forscher in der Studie gestellt haben. Wenn gemeinsame Werte wie Rücksichtnahme und Verantwortung nicht mehr gelebt werden, dann kann das den Zusammenhalt und die Kooperationsbereitschaft gefährden. Tadel, die in Relation zu den Verstößen stehen, sind offensichtlich nur in künstlichen Laborsituationen zu beobachten. In der Praxis ist dieser Zusammenhang nicht zu erkennen.

Wann haben Sie das letzte Mal einen Rüpel auf sein Verhalten angesprochen? Was waren die Folgen?