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Helden des Alltags – es sind die Unangepassten

by Frank Seifert.

Helden des Alltags – es sind die Unangepassten

© De Vries

Die Meldung eines krassen Falles unterlassener Hilfeleistung ging vor kurzem durch Presse und wurde intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert – ein Mann stirbt im Vorraum einer Bank und die Bankkunden steigen einfach über den leblosen Körper – ohne zu helfen (siehe auch http://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/unterlassene-hilfe-ermittlungen-essen-100.html). Glaubt man der Wissenschaft ist dieses Beispiel kein Einzelfall sondern gehört zu unserer Natur. Aber warum ist das so? Wir lieben doch alle Heldengeschichten? Warum ist es so schwer, selbst ein Held zu sein? Warum gibt es offensichtlich so wenige Helden des Alltags?

Das Genovese-Syndrom

Die Sozialpsychologie beschäftigt sich mit diesem Phänomen systematisch seit Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Anlass war ein Mordfall aus dem Jahr 1964, wo die Tatzeugen ebenfalls nicht eingriffen und der Mörder dieses Verhalten bewusst mit einkalkulierte. Das Mordopfer hieß Kitty Genovese und entsprechend wurde dieses Phänomen „Genovese-Syndrom“ genannt (mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Mordfall_Kitty_Genovese).

Konformitäts-Instinkt verhindert Heldentum

Dieses – auch „Zuschauer-Effekt“ genannte – Verhalten verhindert offenbar unter anderem, dass Menschen anderen Menschen in Notsituationen helfen oder das gegen Ungerechtigkeit aufbegehrt wird. Der einzelne Zeuge einer Gewalttat denkt in der Gruppe mit anderen Zeugen beispielsweise „keiner tut etwas – so schlimm wird es schon nicht sein …“ oder „ich will mich nicht blamieren …“. Im Ergebnis tut dann niemand etwas und es werden keine neuen Helden geboren. Hintergrund dieses Phänomens ist nach Ansicht der Forscher vor allem unser sogenannter „Konformitäts-Instinkt“, denn die Menschheit hat im Laufe ihrer Evolution gelernt, vor allem als Gruppe zu funktionieren. In einer Gemeinschaft ist es sehr nützlich, wenn sich die unterschiedlichen Individuen unterordnen und anpassen. Außerdem fühlen sich die Mitglieder einer Gesellschaft insgesamt am wohlsten wenn Harmonie vorherrscht. Nichtangepasste oder Andersdenkende werden leicht als Gefahr für den Zusammenhalt der Gruppe wahrgenommen und daher oft ausgeschlossen. Sozialpsychologen sprechen hier auch von einem sogenannten „Default-Modus“ (mehr dazu unter http://www.zeit.de/2017/02/zivilcourage-gerechtigkeit-aktivismus-unrecht-helden-vorbilder).

Überwindung der Instinkte

Wer eine Vorbildfunktion einnehmen möchte, muss daher seine Instinkte überwinden können und gegen den Strom schwimmen. Es gibt sie also – die unangepassten Helden des Alltags, die Ungerechtigkeit nicht einfach akzeptieren und für Gerechtigkeit eintreten  – aber die Wissenschaft hält sie für eher seltene Exemplare.

Helden-Eigenschaften

Gibt es denn eindeutige Merkmale für Helden? Wie erkennt man (potenzielle) Helden? Die Psychologie hat sie noch nicht gefunden – die Heldenformel. Jedoch wurden zwei sehr wichtige Charaktereigenschaften identifiziert. Erstens eine überdurchschnittliche antiautoritäre Überzeugung und zweitens eine starke Empathie. Voraussagen aufgrund von Äusserlichkeiten wie Reichtum, Alter, Geschlecht oder Bildung sind nicht möglich. Verschiedene Experimente zeigten, dass es Jeder beziehungsweise Jede sein konnten – egal ob reich oder arm, hoch gebildet oder weniger gebildet.

Waren Sie auch schon mal ein Alltagsheld? Wie hat sich das angefühlt? Wann haben Sie sich nicht getraut gegen eine Ungerechtigkeit vorzugehen und wie hat sich das angefühlt?