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Charisma – zu viel davon ist auch nicht gut

by Frank Seifert.

Charisma – zu viel davon ist auch nicht gut

© De Vries

Es gibt Menschen, denen wird ein besonderes Charisma zugesprochen. Insbesondere bedeutenden Persönlichkeiten und sogenannten Heilsbringern mit einer starken Vision wie beispielsweise Martin Luther King. Dieses „Gottesgeschenk“ an Auserwählte (mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Charisma) befähigt dazu, andere Menschen durch bloßes Reden derart mitzureißen und zu motivieren, dass sich niemand der Strahlwirkung entziehen kann.

Unerwartet und unerklärlich

Ich habe das auch einmal bei einem Politiker erlebt, von dem ich es nicht erwartet hatte. Es war vor vielen Jahren auf einer Wahlkampfveranstaltung der SPD vor den Bundestagswahlen. Wie gesagt, es ist schon lange her aber ich habe es nicht vergessen. Es war Oskar Lafontaine. Dieser eher kleine unscheinbare Mann hatte irgendetwas in seiner Stimme oder vielleicht war es auch das was er sagte – keine Ahnung – aber irgendwie hat mich dieser Mann während seiner Rede in seinen Bann gezogen. Ich hatte das wirklich nicht erwartet und war daher auch sehr erstaunt. Seitdem habe ich etwas ähnliches nicht wieder erlebt. Auch beim letzten deutschen Papst Benedikt nicht, der anlässlich des Weltjugendtages in Köln war. Zufällig war ich bei einer Messe dabei, die er von einem Schiff auf dem Rhein aus hielt. Um mich herum sank alles ekstatisch auf die Knie als er auf das Schiffsdeck kam und die Arme hoch hielt. Ich spürte zwar den Sog der Begeisterung durch die Menge, aber von diesem älteren Herrn in weißem Talar ging für mich keine Sendung aus. Hier hätte ich die Gottesgabe beziehungsweise Charisma am ehesten erwartet.

Wichtig für Führungskräfte

Charismatische Menschen können andere sehr gut motivieren und von einer Sache begeistern. Das ist insbesondere in Unternehmen wichtig. Motivierte Mitarbeiter leisten mehr, hinterfragen weniger und sind seltener krank. Also braucht es am besten charismatische Vorgesetzte und der Laden läuft wie geschmiert. Einige Wissenschaftler haben sogar herausgefunden, dass charismatische Chefs ihre Mitarbeiter glücklicher machen. Das zeigte sich dann in Besprechungen, die vergnüglicher mit diesen Vorgesetzten abliefen (mehr dazu unter http://www.academia.edu/6203443/Stirring_the_Hearts_of_Followers_Charismatic_Leadership_as_the_Transferal_of_Affect).

Persönliche Eigenschaften

Ich persönlich habe in den fast zwanzig Jahren meiner Berufserfahrung noch keinen einzigen charismatischen Chef kennengelernt. Diese Art von Managern scheint es also nicht sehr oft zu geben. Aber wann genau ist jemand als charismatisch zu bezeichnen? Welche Eigenschaften braucht dieser Mensch? Darüber wie genau Charisma zu definieren ist, ist sich die Wissenschaft nicht einig. Manche glauben, dass besonders emotional expressive Eigenschaften entscheidend sind. Andere wiederum sehen die emotionale Sensibilität als entscheidend an (mehr dazu unter http://www.zeit.de/zeit-wissen/2015/04/charisma-ausstrahlung-begabung-uebung). Diese Fähigkeit eine magnetische Wirkung auf andere Menschen zu haben, ist sowohl faszinierend als auch gleichzeitig gefährlich – beziehungsweise kann auch demotivierend wirken. Forscher haben in einer Studie herausgefunden, dass es auch ein zu viel an Charisma – im Sinne der erzielten Arbeitsergebnisse – geben kann (mehr dazu unter http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-verstrahlt-1.3527090). Für diese Studie wurden des Charisma einer Person als Mixtur von vier Persönlichkeitsmerkmalen: Kühnheit, Verschmitztheit, Vielseitigkeit und Einfallsreichtum definiert und mittels Fragebögen ermittelt. Demnach waren die Arbeitsergebnisse der als mittelmäßig charismatisch eingestuften Führungspersönlichkeiten am besten. Die optimale Führungskraft ist also ein bisschen charismatisch aber ohne die enorme Strahlwirkung eines Martin Luther King. Dieser wäre nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler wahrscheinlich zu schludrig bei der Verteilung der Aufgaben an seine Mitarbeiter gewesen. Wie King seine Mitarbeiter gemanaged hat und ob diese bei seinen Besprechungen glücklich waren weiß man leider nicht.

Fähigkeit erlernbar

Die gute Nachricht für alle die nach Charisma streben, sei es um andere glücklich zu machen oder einfach nur um Macht auszuüben ist, dass diese Fähigkeit nicht alleine angeboren ist, sondern durchaus (in bestimmten Grenzen) erlernt werden kann. Durch gezieltes Üben der verbalen Sprechwirkung sowie der Körpersprache kann auch ein Anti-Charismatiker seine magnetische Wirkung bei anderen verstärken.

Halten Sie sich selbst für charismatisch oder halten andere Sie dafür? Sind Sie auch der Meinung, dass man Charisma lernen kann? Welche Eigenschaften haben Ihrer Meinung nach charismatische Menschen?